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Linguistik

Diskurse – Medien – Mediendiskurse

Die in diesem Band zusammengefassten Beiträge sind zu einem großen Teil aus dem Themenbereich „Mediendiskurse als Bausteine gesellschaftlicher Wissenskonstitution“ hervorgegangen und nehmen aus unterschiedlichen Perspektiven den Zusammenhang von gesellschaftlichem Wissen und (massen)medialen Diskursen in den Blick. Sie machen deutlich, dass die an Foucault orientierte Diskursforschung, die noch vor wenigen Jahren in der Linguistik ausgesprochen umstritten war, ihren Kinderschuhen inzwischen entwachsen ist. Der vorliegende Band zeigt neben einer Bestandsaufnahme Perspektiven auf, die sich für eine Weiterentwicklung der linguistischen Diskursanalyse eröffnen: erstens die weitere theoretisch-methodische Fundierung der Begrifflichkeiten und des Instrumentariums und zweitens die Einbeziehung neuer Medien, die inzwischen als Größe des gesellschaftlichen Diskurses nicht mehr vernachlässigt werden können. Während die auf Printmedienkorpora basierende Diskursanalyse in den vergangenen Jahren beachtliche Ergebnisse vorlegen konnte, steht eine Diskursanalyse neuer Medien erst am Anfang. Im vorliegenden Band nehmen neben empirischen Diskursanalysen im klassischen Sinne und neben Diskursanalysen, die neue Medien einbeziehen, nicht zuletzt theoretisch-methodologische Fragestellungen eine zentrale Stellung
ein:
o Wie lässt sich der heuristisch reizvolle, jedoch methodisch und theoretisch
o umstrittene Diskursbegriff linguistisch präziser fassen und gewinnbringend für die Analysepraxis operationalisieren?
o Mit welchen (linguistischen oder interdisziplinären) Methoden kann man Diskurse als komplexe intertextuelle und intermediale Phänomene beschreiben? Wie kann man Bilder und andere semiotische Phänomene als Träger von Diskursen systematisch in die Analyse einbeziehen?
o Welche Medien sind in der heutigen ausdifferenzierten Mediengesellschaft in welchem Maße geeignet, als „Leitmedien“ zu kollektivem Wissen und zum kulturellen Gedächtnis beizutragen?
o Welche neuen Aspekte ergeben sich, wenn man neben Printmedien auch online-Medien in die Analysen einbezieht? Eine bisher ungenügend untersuchte Frage ist hier insbesondere, ob und auf welche Art und Weise kollektives Wissen mittels Internet-Kommunikation konstituiert wird, an welche Aspekte des kollektiven Wissens diese anschließt und ob und inwiefern sich Internet-Kommunikation als Teil gesellschaftlicher Diskurse manifestiert. [3]

Als Ausgangspunkt für den vorliegenden Band soll eine kurze Bestandsaufnahme um Diskurs-Begriff stehen, der ebenso umstritten wie heuristisch unverzichtbar ist, denn sowohl die theoriebezogene wie die angewandte Sprachwissenschaft kann nicht auf der Ebene des Textes Halt machen, wenn sie kommunikative Phänomene und vor allem Prozesse in ihrer gesellschaftlichen Relevanz erfassen will.
In der Linguistik existieren zwei Diskurs-Begriffe relativ unabhängig nebeneinander, die sich jeweils auf unterschiedliche Forschungstraditionen berufen und für unterschiedliche Forschungsrichtungen stehen. Der Diskursbegriff der Gesprächsanalyse steht in der anglo-amerikanischen Tradition und bezieht sich auf face-to-face-Gespräche zwischen Personen, ist also primär auf einer interpersonalen Ebene angesiedelt, auch wenn etwa die Kritische Diskursanalyse darüber hinaus zielt. Analysen zur Begriffsgeschichte und zur Sprache in der Politik berufen sich hingegen auf den aus der französischen poststrukturalistischen Forschung tradierten Diskurs-Begriff, der auf Foucault zurückgeht und intertextuelle Beziehungen auf einer gesellschaftlichen Ebene fokussiert. Beide Diskurs-Begriffe wurden in der Linguistik bisher kaum aufeinander bezogen. Dies ist im theoretischen Kontext des Handlungsbegriffs jedoch möglich und für künftige Forschungen auch wünschenswert, denn beide Diskursbegriffe beziehen sich auf Interaktionshandlungen: im Rahmen der Gesprächsanalyse Interaktion auf der interpersonalen, im Rahmen der Foucault verpflichteten Diskursanalyse Interaktion auf gesellschaftlicher Ebene. Auch empirische Befunde sprechen dafür, beide Diskurs-Begriffe aufeinander zu beziehen: empirische Daten belegen, dass die scharfe Trennung interpersonaler und gesellschaftlicher Kommunikation, die die Trennung beider Diskurs-Begriffe suggeriert, spätestens durch die Produktions- und Rezeptionsbedingungen von Online-Medien aufgehoben wird. Aber es ist auch prinzipiell eine der vordringlichsten Aufgaben linguistischer Forschung, Mikro- und Makroebene methodisch abgesichert miteinander zu verbinden (vgl. z.B. Klemm 2002, 156; Habscheid 2000). [3]
Ausgangspunkt für klassische Analysen gesellschaftlicher Diskurse ist zunächst der Foucault‘sche Diskurs-Begriff, der intertextuelle Beziehungen auf einer gesellschaftlichen Ebene und damit gesellschaftlich relevante kollektive Wissenskonstitutionsprozesse betrifft. Ein Diskurs im Foucault’schen Sinne ist eine Menge von Aussagen („enoncé“, epistemischen Elementen oder auch Wissenssegmenten), die einem gemeinsamen Formationssystem angehören, also ein Formationssystem von Wissenssegmenten, die die Produktionsbedingungen für Äußerungen steuern und Produktions-, Strukturierungs- und Ausschließungsmechanismen indizieren (vgl. Busse 2000, 40). Die Grundbegriffe der Foucault’schen Diskursanalyse sind ‚Ereignis’, ‚Serie’,‚Regelhaftigkeit’ und ‚Möglichkeitsbedingung’. Wenn ein epistemisches Element (enoncé) in einer diskursiven Umgebung, also in einer Äußerung spontan und unvorhergesehen auftritt, erscheint es als „Ereignis“. Wenn solche Ereignisse häufiger auftreten und damit zu Keimzellen diskursiver Formationen werden, bilden sich „Serien“. Durch die Verdichtung von Serien diskursiver Ereignisse etablieren sich neue diskursive Strukturen und bilden so „Regelhaftigkeit“. Etablierte diskursive Formationen wirken als „Möglichkeitsbedingungen“ prägend auf zukünftige diskursive Ereignisse, steuern also Erwartbarkeitszwänge oder -ausschlüsse für künftige Äußerungen. Für eine von Foucault inspirierte Linguistik sind folgende Vorstellungen von Diskurs zentral:
1. Diskurse sind Verbünde inhaltlich zusammengehöriger Texte (vgl. Foucault
1973, 1977), [3]
2. Diskurse sind „Amalgamierungen von Themen in Texten“ (Sauer 1998,
155), [3]
3. Diskurse sind Netze von Zeichen, Spuren und Fährten von Wissenssegmenten (vgl. Busse 2000), [3]
4. Diskurse bilden Bezugsgrößen für Einzeltexte, denn Texte existieren nicht
isoliert, sondern stehen im Verbund mit koexistierenden Texten (vgl.
Warnke 2002), [3]
5. Diskurse können als „Gespräche“ zwischen Texten aufgefasst werden, sind
also durch Dialogizität gekennzeichnet (vgl. Wichter 1999), [3]
6. Diskurse korrespondieren mit Systemen des Denkens und Argumentierens,
das von einer Textmenge abstrahiert ist (vgl. Titzmann 1989) und
7. Diskurse sind eine Form von „interaction in society“, denn „language
users actively engage in text and talk not only as speakers, writers, listeners
or readers, but also as members of social categories, groups, professions,
organizations, communities, societies or cultures“ (van Dijk 1997a, 3). [3]
8. Diskurse können als „virtuelle Textkorpora [aufgefasst werden], deren
Zusammensetzung durch inhaltliche Kriterien bestimmt wird“
(Busse/Teubert 1994, 14). [3]
Zusammengefasst ergibt sich also, dass Diskurse im Sinne Foucaults auch aus Sicht der Linguistik auf der Ebene der gesellschaftlichen Interaktion anzusiedeln sind. Sie sind Formationssysteme von Wissen, die Ausschließungs- und Produktionsbedingungen für Äußerungen steuern. Sie manifestieren sich als Aussagenensembles, in denen auf gesellschaftlicher Ebene ein Thema verhandelt wird. Andererseits sind Diskurse aber nur in konkreten Texten zu fassen. Die Bindung der Texte untereinander ist durch das gemeinsame Thema gegeben, realisiert sich durch formale und semantische Bezüge und kann als komplexe Netzstruktur dargestellt werden (vgl. Fraas 1996).
Theoretisch und methodisch wurde der Diskursbegriff Foucault’scher Prägung vor allem von Busse (2000), Wengeler (2000) und Sauer (1998) weiterentwickelt.2 Empirische Untersuchungen gesellschaftlicher Diskurse wurden bisher vor allem von der Düsseldorfer Arbeitsgruppe um Stötzel (vgl. Stötzel / Wengeler 1995) und von Arbeitsgruppen am Institut für deutsche Sprache Mannheim vorgelegt (vgl. Strauß / Haß / Harras 1989; Fraas 1996). Arbeiten zur so genannten Kritischen Diskursanalyse stammen vor allem aus dem Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (vgl. Jäger 1991, 1993), den Arbeitsgruppen um van Dijk (Universität Amsterdam) und Wodak (Universität Wien), der angelsächsischen Richtung der Critical Discourse Analysis (z.B. Fairclough 1995) und der Oldenburger Arbeitsgruppe um Gloy.
Die gesellschaftliche Dimension von Diskursen impliziert, dass sie auf Verbreitung und auf Vermittlungsinstanzen angewiesen sind, auf Plattformen sozialen Austauschs, also auf Medien. Auch der Medienbegriff wird in der Sprachwissenschaft unterschiedlich gefasst.
Weit gefasste Definitionen verstehen darunter beispielsweise auch Zeichensysteme (z.B. die Sprache) oder Körperliches (z.B. die Stimme). Engere Begriffe definieren ‚Medium’ als ein von Menschen geschaffenes materiales Hilfsmittel zur Ermöglichung oder Verbesserung von Kommunikation, das heißt vor allem zur Behebung der raumzeitlichen Beschränkungen „natürlicher“ Kommunikation (vgl. Holly 1996, 1997). [3] Je nach Medium verfügen wir über bestimmte Zeichentypen oder auch gerade nicht, was unsere Ausdrucks- und Interpretationsmöglichkeiten, aber auch die Reichweite kommunikativer Akte wesentlich bestimmt.
Themenimpulse, die zu gesellschaftlichen Diskursen führen sollen, sind nicht nur auf mediale, sondern auf massenmediale Verbreitung angewiesen. Jedes Massenmedium hat dabei seine spezifischen Möglichkeiten und Beschränkungen, Diskurse zu etablieren oder zu entwickeln. Leitmedien wie Fernsehen und Zeitung sind weitaus eher in der Lage, Diskurse zu eröffnen, als Begleitmedien wie das Radio. Das Fernsehen erreicht aber wiederum andere Publika in anderen Kontexten als die Printmedien, es setzt andere Zeichentypen ein und nimmt somit auch Einfluss auf die Art der Aneignung der Diskurse durch die Mediennutzer. Diskurse sind deshalb immer auch Mediendiskurse, das heißt durch die Art ihrer medialen Vermittlung geprägt.
Massenkommunikation ist meist als ein linearer, technisch vermittelter, einseitiger Kommunikationsprozess verstanden worden, als ein massenhafter und undifferenzierter Verteilungsprozess von Information. Aber hier deutet sich ein wesentlicher Strukturwandel an: Was früher aufgrund technischer und finanzieller Anforderungen Privileg weniger Medieneinrichtungen und somit auch Ausdruck von „Medienmacht“ war, ist heute prinzipiell auch Privatpersonen möglich, wenn man etwa neue Medienphänomene wie Homepages, Foren, Chats oder Weblogs betrachtet, die elektronische „Gegenöffentlichkeiten“ schaffen können. Dabei überwinden diese neuen Kommunikationsformen zugleich den Zwang zur Einwegkommunikation, erlauben sie doch auch die dialogische Entwicklung von Diskursen. Hinzu kommt, dass sich massenmediale Diskurse in der interpersonellen Anschlusskommunikation schier endlos verzweigen können, 4 was dazu führt, dass Diskurse vielleicht einen bestimmbaren Anfang haben, aber selten ein Ende. Die Gesamtheit der Äußerungen zu einem Thema und die Komplexität eines Diskurses ist somit nie zu erfassen (vgl. Stenschke 2002, 114). [3] Die Rezeption von Diskursen wurde bisher zu selten theoretisch reflektiert oder in empirischen Diskursanalysen berücksichtigt. Auch hierfür liefern die Neuen Medien durch ihre Partizipationsmöglichkeiten neue Impulse für die Forschung.
Die linguistische Analyse von Mediendiskursen steht somit inhaltlich vor neuen Fragestellungen und methodisch vor neuen Herausforderungen, die im vorliegenden Band angenommen werden. Er bezieht zum Beispiel online-Anteile gesellschaftlicher Kommunikation sowohl in theoretisch-methodische Überlegungen als auch in konkreten Diskursanalysen mit ein. Die Wissens-Schnittstellen und -Übergänge zwischen online- und offline-Kommunikation sind dabei von besonderem Interesse. Wenn elektronische synchrone und semisynchrone Kommunikationsprozesse (z.B. im Rahmen von Weblogs und Foren) Teil gesellschaftlicher Kommunikationsprozesse sind, können sie zunächst durch den Diskurs-Begriff der Gesprächsanalyse erfasst werden, der face-to-face-Gespräche zwischen Personen meint und auf einer interpersonalen Ebene angesiedelt ist. Relativ zu gesellschaftlichen Diskursen können thematisch relevante Bereiche solcher elektronischen Kommunikationsformen als online-Anteile von gesellschaftlichen Wissenskonstitutionsprozessen aufgefasst und somit auf den Foucault’schen Diskurs-Begriff bezogen werden.
Inhaltlich beziehen sich die empirischen Analysen des vorliegenden Bandes auf aktuelle wie auf historische Diskurse. Einen Schwerpunkt bilden die Diskurse zum 11. September 2001, zum Irak-Krieg seit März 2003 und allgemein zum aktuellen „Kampf gegen den Terrorismus“, es finden sich aber auch Analysen zur Wehrmachtsausstellung, zur Asyldebatte, zum Mediendiskurs der DDR und zur Diskussion um die Rechtschreibreform. [3]

Fazit und Ausblick: Medien – Diskurs – Kritik
Im Kontrast zu Grundannahmen der Diskursforschung wird überaus deutlich, dass die deutschsprachige Medienpädagogik einige theoretische Entwicklungen in der post-/strukturalistischen Tradition entweder nicht wahrgenommen oder als nicht relevant eingestuft hat. Problematisch erscheint daran allerdings die folgende, u.E. durchaus paradoxe Konstellation zwischen proklamierter Kritik und faktischer Affirmation: Baackes Ausgangspunkt lag in den 1970er-Jahren u. a. in der Kritischen Theorie (vgl. dazu den Beitrag von Barberi in diesem Heft). Nicht zufällig firmiert er als Herausgeber eines Sammelbands von 1974, der unter dem Titel «Kritische Medientheorien» theoretische Beiträge von Gesellschafts- und Medientheoretikern sowie Kommentare von Praktikern der Medienproduktion zusammenbringt (vgl. Baacke 1974; in dem Band sind ausschliesslich männliche Autoren vertreten). Erstere stellen das Feld der öffentlichen Medien «in den Kontext einer materialistischen Gesellschaftstheorie» (ebd., 7), in welchem sie der Produktion von Ideologie dienen. Baacke scheut in der Einleitung nicht davor zurück, sich positiv auf Marx, Adorno und Horkheimer zu beziehen, wenn er auch zugleich die Praxisferne bei Adorno und den im Band vertretenen Medientheoretikern moniert: Die «[kritischen] Medientheorien sollten sich davor bewahren, zur historischen Realität, zur zeitgenössischen Potenzialität, zum Rezipienten unvermittelt zu bleiben und damit im status negationis» (ebd., 15). Zwar fordert er also bezüglich des Theorie-PraxisVerhältnisses innerhalb der Medientheorie ein Mehr an Praxis ein (nicht notwendig ein Weniger an Theorie oder Kritik), lässt jedoch keinen Zweifel daran, «dass die kritische Theorie Denkanstöße gegeben hat und der Spielraum ihrer Leistung noch nicht ausgemessen ist» (ebd., 16).
Wenn Bernd Schorb (2008, 77) im Handbuch Medienpädagogik handlungsorientierte Medienpädagogik in die Tradition der Kritischen Theorie stellt und schreibt, in dieser werde der «Rezipient nicht nur durch Massenmedien beeinflusst gesehen, sondern in erster Linie als gesellschaftliches Subjekt, das in seiner Lebenswelt reale Erfahrungen macht und unterschiedliche Bedürfnisse und Interessen entwickelt», zeigt das ‹nur› einen Restbestand von Ideologiekritik an. De facto spielt Medienkritik – geschweige denn Ideologiekritik – in der medienpädagogischen Theoriebildung und Forschung eine denkbar geringe Rolle (für Ausnahmen vgl. Niesyto et al. 2006; Ganguin 2006; Dander 2014a). Fast könnte der Eindruck entstehen, medienpädagogische Forschung habe durch ihren Fokus auf die Praxis und die Förderung medienkompetenter, kritisch-reflexiver Menschen darauf, vergessen zu untersuchen wozu sich diese eigentlich kritisch-reflexiv verhalten sollten.
Wenn Stuart Hall (vgl. 2006, 30), als prominenter Vertreter der Pop-affinen und Praxis-nahen Cultural Studies, 1983 zum Schluss kommt, dass die Diskurstheorie Foucaults vorerst den Niedergang einer marxistischen Ideologiekritik besiegle (da damit «Ideologie» als Begriff ad acta gelegt werde), muss umso erstaunlicher erscheinen, dass die Diskurstheorie bislang keine nennenswerte Berücksichtigung in der Medienpädagogik gefunden hat. Wenngleich die kritische Medientheorie der 1970er-Jahre bestimmt nicht eins zu eins reanimiert werden sollte, sind wir der Ansicht, dass Medientheorie ohne Gesellschaftstheorie, Medienkritik ohne Gesellschaftskritik der Komplexität der Gesellschaft nicht gerecht werden kann. Eine Delegation und Externalisierung einer solcher Kontextualisierung an Mediensoziologie oder Medienwissenschaft verkennt, dass die Regierung der Subjekte in diesen Subjekten stattfindet, wie auch, dass Kritik in Auseinandersetzung mit dieser ‹Regierung› nötig ist. Die Diskurstheorie kann mit ihrem begrifflichen und analytischen Instrumentarium wesentlich zur Stärkung einer kritischen, pädagogischen Medientheorie und -forschung beitragen. Möge der Beginn dadurch erleichtert werden, dass der Anfang bereits gemacht wurde. [4]
Vorüberlegungen zu Niklas Luhmann
Die nun folgenden Ausführungen befassen sich zunächst allein mit Niklas Luhmanns Systemtheorie. Erst in den anschließenden Kapiteln werden Querverbindungen zu den beiden anderen Autoren hergestellt. Die Systemtheorie hat einen sehr umfassenden Begriffsapparat entwickelt, der in der Auseinandersetzung mit vielen Einzelfällen nachjustiert wird. Grundlegend für die Gesellschaftstheorie Luhmanns ist die Aufteilung der Gesellschaft in Funktionssysteme, die Kommunikation auf bestimmte Weise codieren und dadurch eine Art Zuständigkeit für Fragestellungen und Probleme bestimmten Typs übernehmen. Beispiele für solche Funktionssysteme sind die Wissenschaft, die Wirtschaft, das Erziehungssystem, das politische System und auch die Massenmedien.
Die Massenmedien stehen am Ende einer Entwicklung, die man als Medienevolution umschreiben kann. Um die Entstehung der Massenmedien im Kontext der Gesellschaft verstehen zu können, muss man laut Luhmann die Evolution von Gesellschaft als Kommunikationssystem betrachten. Es mag an dieser Stelle hilfreich sein, einen kurzen Blick auf Abb. 4 (S. 85) [5] zu werfen. Auch wenn die Zusammenhänge und Begriffe, die in dieser Graphik dargestellt werden, noch nicht verstanden werden können, zeigt sich doch bereits die enge Verknüpfung zwischen der Ebene des kommunikativen Systems und den Massenmedien. Im folgende soll daher beim Systembegriff angefangen werden, um dann den Prozess der Medienevolution als Ganzes zu entfalten und die Entstehung der Massenmedien in diesen Prozess einzuordnen.
Der Medienbegriff
Haben wir es mit psychischen und sozialen Systemen zu tun, stoßen wir auf das Phänomen des Sinns, auf den zurückgegriffen wird, um innerhalb von Zeit­, Sach­ und Sozialdimensionen Identitäten zu bilden.
Sich 'Sinn' als Material zur Formbildung vorzustellen, diente zunächst der metaphorischen Veranschaulichung, kann nun aber weiter mit Hilfe der Unterscheidung Medium und Form exemplifiziert werden. Denn 'Material' wird Sinn erst dann, wenn in ein Trägermedium Formen eingezeichnet werden: im Trägermedium der Laute werden Wörter gebildet, im Medium der Wörter wiederum Sätze.
Grundlegend ist dabei für die Systemtheorie nicht der ontologische Status der Elemente, im Zusammenhang mit der Frage, was die letzten Elemente sind, auf die jedes Medium zurückgeführt werden kann, sondern vielmehr die Differenz zwischen einer großen stabilen Menge lose gekoppelter Elemente, dem (Träger­)Medium (z.B. die Vielzahl möglicher Laute als ein kontinuierliches Spektrum von Luftschwingungen) und einer kleinen, instabilen Menge von fest gekoppelten Elementen, den Formen (z.B. Wörter als feste Verbindungen von bestimmten Lauten). [5]
Hier wird bereits auf das Beispiel der Sprache verwiesen und tatsächlich ist für Luhmanns Theorie die Sprache der entscheidende Schritt für die gesellschaftliche Evolution, der Kommunikation in der Form, wie sie oben beschrieben wurde, als Verstehen einer mitgeteilten Information, erst möglich macht. Der Prozess der 'Kondensation' von Sinn wird auch verständlicher, wenn man sich ihn anhand der Sprache veranschaulicht: Laute werden zu Wörtern gekoppelt, also in eine engere Bindung überführt, kondensiert.
Während in der vorsprachlichen Gestik Mitteilung und Information noch zusammenfallen, kann mit der Sprache durch die Verwendung von Zeichen, die sich aus ihrem Kontext lösen, etwas mitgeteilt werden, was nicht unmittelbar Bestandteil der Mitteilungssituation ist. Die Differenz zwischen Mitteilung und Information, dem durch Zeichen vergegenwärtigten Sinngehalt, wird dadurch verstärkt.
Jedoch sind die Reichweiten der Informationen und damit die „Grenzen der verständlichen Alltagswelt“ im Falle der mündlichen Kommunikation weiterhin gebunden an den Akt der Mitteilung. Dies ändert sich, wenn weitere Medien, die so genannten 'Verbreitungsmedien', von der Kommunikation in Anspruch genommen und damit die Komponenten Information, Mitteilung und Verstehen weiter entkoppelt werden. Hierunter fallen die Schrift, der Buchdruck und die elektronischen Medien. Dazu mehr im nächsten Kapitel.
Eine weitere wichtige Medienart sind die 'Erfolgsmedien' oder 'symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien' (im folgenden: sgKm). Sie greifen auf Sprache und Verbreitungsmedien zurück, um dem Entkopplungsprozess entgegenzuwirken, also das Verstehen zu begünstigen und die Wahrscheinlichkeit einer Ablehnung der Kommunikation zu verringern.
Verbreitungsmedien
„Zunächst erinnern wir noch einmal daran, dass wir Kommunikation nicht vom Mitteilungshandeln, sondern vom Verstehen her begreifen. Entsprechend setzt Schrift, soll sie nicht nur zur Aufzeichnung, sondern zur Kommunikation verwendet werden, Leser voraus. Das macht es einsichtig, dass die immense Vermehrung dessen, was man dann lesendes Publikum nennen wird, eine Revolutionierung der gesellschaftlichen Kommunikation mit sich bringen konnte.“
In diesem Zitat verdeutlicht Luhmann nochmals seinen Ansatz, Kommunikation vom Verstehen aus zu begreifen. Wird Sinn vom flüchtigen Medium der Laute auf andere Medien übertragen, wird der Effekt der „räumlichen und zeitlichen Entkopplung von Mitteilung und Verstehen“ verstärkt, denn die mitgeteilte Information ist nun auf einem Trägermedium fixiert und damit einer weit größeren, teils unüberschaubaren Menge, dem 'Publikum', zugänglich. Damit wird das Trägermedium zum Verbreitungsmedium.
Das erste dieser Verbreitungsmedien ist die Schrift, die insbesondere dann, wenn sie vom reinen Aufzeichnungsmedium zum Kommunikationsmedium wird, den Empfängerkreis einer Kommunikation drastisch erweitert. Kommunikationsmedium wird Schrift – gemäß der Definition von Kommunikation – dann, wenn das Verstehen miteinbezogen wird, wenn also beim Mitteilungsakt, der schriftlichen Fixierung, das Verstehen schon antizipiert wird. In dieser Vergegenwärtigung eines 'Publikums', das sich natürlich erst mit gestiegener Literalität auf wirksame Weise vergrößert, steckt bereits der Keim für jene 'Revolutionierung', von der zuvor die Rede war. „Mit Schrift beginnt die Telekommunikation, die kommunikative Erreichbarkeit der in Raum und Zeit Abwesenden.“ [5]
Diese Tendenz zur Telekommunikation wird noch einmal immens verstärkt durch den Buchdruck, der das Medium der Schrift an Verfahren der technischen Reproduktion koppelt und damit neue Formbildungen ermöglicht, namentlich der gedruckte Text, der in vielfacher Kopie einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden kann. Damit wird zugleich die Fähigkeit, zu lesen, zur entscheidenden Vorraussetzung, um an gesellschaftlicher Kommunikation teilnehmen zu können: „Die Technologie der Druckpresse erzeugt die Zusatztechnologie des Lesens“ und erlaubt somit, dass sich ein Publikum konstituiert, dass sich eigenständig Wissen aneignet und damit auch traditionelle, ehemals exklusiv gehaltene „Kanäle politischer Einflußnahme“ unterläuft.
Mit dem Aufkommen der elektronischen Medien der Telekommunikation – „vom Telefon bis zum Telefax und zum elektronischen [computervermittelten] Postverkehr“ – wird die Verbreitung von Informationen nun endgültig zu einer eigenständigen Operation, die auf der Basis eines komplexen technischen Netzes die Entkopplung von Information, Mitteilung und Verstehen auf die Spitze treibt. Im Gegensatz zum Interaktionsraum der mündlichen Kommunikation hat sich mit der Evolution der elektronischen Medien der 'Raum' der Kommunikation entgrenzt, so dass die enge Verzahnung von gestengeleiteter Mitteilung, Informationsauswahl und Verstehen aufgelöst und die einzelnen Kommunikationsschritte innerhalb einer technischen Apparatur zwischen den Instanzen des Senders und des Empfängers eigenständig ausdifferenziert werden: „Der Sender wählt Themen und Formen [also Information], Inszenierungen und vor allem Sendezeiten und Sendedauer im Hinblick auf das, was ihm geeignet [zur Mitteilung] erscheint. Der Empfänger seligiert sich selber im Hinblick auf das, was er sehen und hören möchte. [Verstehen]“ [5]
Auf diesem Stand der Medienevolution etablieren sich die Massenmedien als ein Funktionssystem der Gesellschaft (dazu später mehr → 2.7.). Unter Massenmedien versteht Luhmann „alle Einrichtungen der Gesellschaft [...], die sich zur Verbreitung von Kommunikation technischer Mittel der Vervielfältigung bedienen.“ Die wesentliche Vorraussetzung ist demzufolge die Verbreitungstechnologie, die eine Situation herbeiführt, in der Kommunikation aufgrund der „technisch bedingten Notwendigkeit einer Kontaktunterbrechung“ durch Programme und Standardisierungen strukturiert wird, die zwischen den beiden Selektoren der Sendebereitschaft und des Einschaltinteresses vermitteln. Das anonyme Publikum, das bereits im Buchdruck zur relevanten Größe herangewachsen war, wird nun endgültig in die Kalkulation der Mitteillungsinstanzen einbezogen: „Für die Ausdifferenzierung eines Systems der Massenmedien dürfte die ausschlaggebende Errungenschaft in der Erfindung der Verbreitungstechnologien gelegen haben, die eine Interaktion unter Anwesenden nicht nur einsparen, sondern für die eigenen Kommunikationen wirksam ausschließen. Schrift allein hatte diesen Effekt noch nicht, denn sie war zunächst nur als Gedächtnisstütze für primär orale Kommunikation konzipiert worden. Erst der Buchdruck multipliziert das Schriftgut so stark, dass eine mündliche Interaktion aller an Kommunikation Beteiligten wirksam und sichtbar ausgeschlossen wird. Die Abnehmer machen sich allenfalls quantitativ bemerkbar: durch Absatzzahlen, durch Einschaltquoten, aber nicht entgegenwirkend.“ [5]
Die Realität der Massenmedien
Bevor jedoch diese Frage beantwortet wird, soll nach einmal die Entstehung und Funktion der Massenmedien zusammengefasst werden. Danach wird es leichter, den Prozess der Realitätsproduktion der Massenmedien nachzuvollziehen.
Rückblick: Entstehung und Funktion der Massenmedien
Es wurde unter 2.2.3. zwischen drei Tendenzen der Evolution von Kommunikation unterschieden:
(a) der immer weiter reichende Verbreitung von Informationen durch Kommunikation
(b) der Motivation zu weiterer Kommunikation, zur Sicherung von Anschlussfähigkeit
(c) der Festlegung von Sinnkondensaten, auf die Kommunikation zurückgreifen kann
Unter 2.4., 2.5., 2.6. wurden diese Tendenzen ausführlicher behandelt und jeweils dahingehend untersucht, wie sie zur Ausbildung eines Systems der Massenmedien beitragen.
Die Massenmedien entstehen als ein Funktionssystem der Gesellschaft, d.h. die drei Tendenzen müssen sich verdichtet haben und in ihrer kumulativen Wirkung einen Problemdruck erzeugt haben, der nach einer funktionsbezogenen Bearbeitung verlangt.
Dabei muss man sich vergegenwärtigen, dass man auch im Bereich der Funktionssysteme die Ebene der Kommunikation und damit die Ebene des sozialen Systems bzw. der Gesellschaft nicht verlässt.
Wie also organisieren die Massenmedien die Kommunikation, so dass sie als Funktionssystem der Gesellschaft gelten können?
Dazu ist es hilfreich, noch einmal beim Systembegriff anzufangen, denn Massenmedien sind ein System. Das heißt also, es liegt eine Unterscheidung vor, die einen Bereich isoliert und gegen eine durch diese Grenzziehung entstandene Umwelt abgrenzt.
Um was für einen Bereich handelt es sich dabei?
Um eine bestimmte Art von Kommunikation, denn Massenmedien werden als soziales System definiert, also als eine nicht­beliebige Verknüpfung von Kommunikationen. Die Gesamtheit dieser Vernetzung von Kommunikationen ist die Gesellschaft, die Massenmedien als Teilsystem der Gesellschaft bearbeiten jedoch nur einen Teil der gesellschaftlichen Kommunikationen und zwar unter einer bestimmten Hinsicht.
In welcher Hinsicht?
Hinsichtlich einer bestimmten Art des Verstehens. Um den Bereich der durch Systembildung abgegrenzten Kommunikationen genauer bestimmen zu können, muss gefragt werden, wie das System der Massenmedien Kommunikationen miteinander verknüpft. Kommunikation als die Verkettung von Information, Mitteilung und Verstehen wird im Verstehen abgeschlossen. Die Frage muss also folgendermaßen modifiziert werden: Welche Kommunikationen werden vom Standpunkt der Massenmedien aus verstanden?
Diejenigen, die informativ sind. Das klingt nach einer Tautologie, denn schon in der Definition von Kommunikation ist der Begriff 'Information' enthalten und weiterhin muss Information zwangsläufig informativ sein, um ihrem Namen gerecht zu werden.
Nun kann aber ein Kommunikationsangebot in vielerlei Hinsicht interessant sein, beispielsweise hinsichtlich der Frage, ob die Information wahr ist (der wissenschaftliche Standpunkt) oder der Frage, wie sie moralisch interpretiert werden kann. Alle diese Aspekte spielen auch bei den Massenmedien eine Rolle. Das wird klar, wenn man sich vergegenwärtigt, dass eine unüberschaubar große Menge an Personal, also Redakteure, Journalisten, Verbände, Lobbys, Politiker, Prominente, Bürger usw., daran beteiligt ist, Informationen auszuwählen und sie zur Berichterstattung vorzuschlagen. Und jeder dieser Beteiligten legt seine eigenen Maßstäbe an. Die Frage ist aber, inwieweit sind sie beteiligt? Der Ansatz der Systemtheorie besteht nun gerade darin, diese Beteiligung in der Form der Kopplung zwischen psychischem und sozialem System zwar in die Theorie zu integrieren, den Schwerpunkt jedoch auf die Eigengesetzlichkeit der Ebene der Kommunikation zu verlegen, also danach zu fragen, wie die Verkettung von Information, Mitteilung und Verstehen zustande kommt. Daraus ergibt sich der Fokus auf eine bestimmte Struktur von Kommunikationsprozessen also die Frage, wie kommuniziert wird, und weniger, wer etwas mitteilt und wer etwas versteht. Jedes Individuum, das innerhalb des Systems der Massenmedien agiert, handelt nicht als Mensch, sondern in der Rolle, die ihm dieses System zuweist. Es sei noch einmal an die Selektionsweise der Massenmedien erinnert:
„Der Sender wählt Themen und Formen [also Information], Inszenierungen und vor
allem Sendezeiten und Sendedauer im Hinblick auf das, was ihm geeignet [zur
Mitteilung] erscheint. Der Empfänger seligiert sich selber im Hinblick auf das, was er
sehen und hören möchte. [Verstehen]“ [5]
An jeder dieser drei Selektionen sind natürlich Personen beteiligt, die Kommunikation besteht jedoch in der übergreifenden Verkettung dieser Selektionen, d.h. die auf verschiedene Instanzen verteilte Kommunikation muss strukturell so beschaffen sein, dass diese übergreifende Verkettung ermöglicht wird.
Im Zuge der Evolution von Verbreitungsmedien verstärkte sich die Tendenz zur Entkopplung von Mitteilung, Information und Verstehen. Damit wird das Problem der übergreifenden Verkettung noch verstärkt. Das Verstehen muss nun im Akt der Informationsauswahl und noch vor der Mitteilung antizipiert werden. In Hinblick auf die abstrakte Größe eines 'Publikum' und nicht in Hinblick auf konkrete in Raum und Zeit gegenüberstehende Individuen muss eine Information ausgewählt und zur Mitteilung vorbereitet werden.
Gleichzeitig ist die Auswahlmöglichkeit an Information immer weiter gestiegen, denn mit der Verbesserung von Speicher­ und Verbreitungsmedien wächst auch die Zahl dessen, was erinnert und erneut zum Bestandteil von Kommunikation gemacht werden kann. Der Beobachtungsmodus zweiter Ordnung, also die Beobachtung von Beobachtungen, die bereits auf Trägermaterialien fixiert wurden, gewinnt immer mehr an Bedeutung. Auf dem modernen Stand der Medienevolution ist die Anzahl solcher Beobachtungen, die für eine Kommunikation bereit stehen, also zur Information erhoben werden können, unüberschaubar geworden.
Die Gesamtheit aller vernetzten Kommunikationen, die Gesellschaft, muss also einen Bereich von Beobachtungen abgrenzen, der überhaupt erst den Rang einer Information erhält und damit Bestandteil von Kommunikation werden kann. Es wird damit eine Art Schwelle für Kommunikation eingerichtet, die das Kriterium, inwieweit etwas informativ ist, über alle andere Kriterien wie Wahrheit oder moralische Richtigkeit erhebt.
Die binäre Leitdifferenz Information und Nicht­Information avanciert damit zum Code, der die Programmierung der Massenmedien bestimmt.

Realität der Massenmedien
Die Massenmedien etablieren sich nun in der modernen Gesellschaft als eine „Institutionalisierung der Beobachtung zweiter Ordnung“, d.h. sie umfassen einen Bereich von Kommunikationen, in denen die Beobachtungen anderer beobachtet und zum Bestandteil von Kommunikation gemacht werden. Wie dieser Selektionsvorgang vor sich geht, soll nun 'von innen' beleuchtet werden, d.h. Kommunikation soll nicht von außen als Verkettung dreier Selektionen betrachtet werden, sondern hinsichtlich der Art und Weise, wie auf das Medium Sinn zurückgegriffen wird. Damit wechseln wir von der Ebene der Systemoperationen zur Ebene der Realität, die als Produkt dieser Operationen entsteht.
Schon unter wurde es beschrieben, wie das Komplexitätsgefälle zwischen System und Umwelt dazu zwingt, wiedererkennbare Identitäten im Medium Sinn auszubilden, auf die Kommunikation zurückgreifen kann, um Anschlussfähigkeit zu sichern und sich gegen den potentiell unendlichen Reichtum von Bedeutungen abzuschirmen. Unter wurde dann weiter ausgeführt, dass dafür eine Art Verbindungsinstanz zwischen den einzelnen Selektionen zur Verfügung stehen muss, die auf bereits gemachte Beobachtungen zurückgreifen und diese in Hinsicht auf eine offene Zukunft reaktualisieren kann, eben das Gedächtnis.
Die im System der Massenmedien verarbeiteten Kommunikationen sind denselben grundsätzlichen Restriktionen unterlegen, die jede Kommunikation kennzeichnet. In den Massenmedien muss sich daher eine Art Gedächtnis ausbilden, das den Sinn so aufbereitet, dass er wiedererkennbar wird und zudem der Codierung und Programmierung der Massenmedien angepasst werden kann.
Dies geschieht über die Bildung von „Sinnkomplexen“ in Form von „Themen“. Aus einer unendlichen Vielzahl von potentiellen Informationen wird eine Auswahl getroffen und zu bestimmten Identitäten kondensiert, die dann einem Programmbereich (Unterhaltung, Nachrichten, Werbung) zugeordnet werden können. Die spezifische Programmzuordnung ist aber zunächst nicht wichtig; fundamentaler ist die Herstellung eines „Referierzusammenhang[s] einer wiederholten Bezugnahme“, also die Ermöglichung von rekursiver Vernetzung. Sinn wird dabei kondensiert, generalisiert und schließlich schematisiert, so dass sich Themen herausbilden, die den Anschluss weiterer Kommunikation erleichtern. „Sinnkondensate, Themen, Objekte entstehen, um es mit einem anderen Begriff zu formulieren, als 'Eigenwerte' des Systems massenmedialer Kommunikation. Sie werden im rekursiven Zusammenhang der Systemoperationen erzeugt und sind nicht darauf angewiesen, dass die Umwelt sie bestätigt.“ Kommunikation ist auf Formbildung im Medium Sinn angewiesen und was
die Kommunikation zum Laufen bringt, erhält sich selbst im Prozess der Verkettung von Selektionen und der rekursiven Vernetzung. Damit ist jedoch noch nicht gesagt, dass alles das, über was geredet wird, tatsächlich existiert. Die Annahme, dass es eine Realität gibt, wird von der Systemtheorie nicht bestritten. „Aber sie setzt Welt nicht als Gegenstand, sondern im Sinne der Phänomenologie als Horizont voraus. Also als unerreichbar. Und deshalb bleibt keine andere Möglichkeit als: Realität zu konstruieren und eventuell: Beobachter zu beobachten, wie sie die Realität konstruieren.“ Genau dies tun die Massenmedien: sie beobachten, was andere beobachten und machen es zum Gegenstand von Kommunikation. Um diese Kommunikation am Laufen zu halten, ist die Zurechnung von Handlungen auf Personen oder auch die Moralisierung von bestimmten Sachverhalten nötig, die dann wiederum bestimmten Themen zugeordnet werden können. Aber das ändert nichts daran, dass diese Art der Formbildung im Medium Sinn, die „greifbare Symbole“ bereitstellt, nur der Fortsetzung von Kommunikation dient und nicht der adäquaten Beschreibung von Wirklichkeit.
„Wer an Vorstellungen wie 'objektive Wahrheit' oder psychisch bindendem 'Konsens' hängt, wird diese Analyse nicht akzeptieren können und den Massenmedien Oberflächlichkeit, wenn nicht Manipulation vorwerfen.“ [5] Auch wenn der Militärapparat an der Informationsversorgung im Kriegsfall beteiligt ist, auch wenn Kritik in die Informationsverarbeitung der Massenmedien miteinfließt,81 und auch wenn es eine „Tendenzpresse“ geben kann, so ändert das nichts daran, dass man von dem ausgehen muss, was als Beobachtung selektiert wird. Die Gesamtheit all dieser Beobachtungen, die als Informationen bereitgestellt werden, füllen die Gegenwart einer Kommunikationssituation, die zwangsläufig, um Kommunikation fortzusetzen, an diese Gegenwart anschließen muss.
„Der gesellschaftsweite Erfolg der Massenmedien beruht auf der Durchsetzung von Themen, und diese ist unabhängig davon, ob zu Informationen, Sinnvorschlägen, erkennbaren Wertungen positiv oder negativ Stellung genommen wird.“ [5] Damit garantieren die Massenmedien „eine gesellschaftsweit akzeptierte, auch den Individuen bekannte Gegenwart, von der sie ausgehen können, wenn es um die Selektion einer systemspezifischen Vergangenheit und um die Feststellung von für das System wichtigen Zukfunftserwartungen geht.“ [5] Hier wird noch einmal die Funktion der Massenmedien als Gedächtnis betont, die aus fixierten Beobachtungen, also der Vergangenheit, selektiert, um auf eine Zukunft zu reagieren und den Anschluss der Kommunikation zu sichern. Aber eben nicht auf ein Bewusstsein bezogen, sondern auf alle Bewusstseine, die an der gesellschaftlichen Kommunikation beteiligt sind.
Luhmanns Ausführungen zu den Massenmedien suggerieren eine Zwangsläufigkeit der Entwicklung, der man nicht entweichen kann. Die Massenmedien zu kritisieren ist wiederum nur Bestandteil der Kommunikation, die dann vom System der Massenmedien verarbeitet wird. Überhaupt ist die Zurechnung von Verhalten und im Anschluss daran die Bewertung als gut oder schlecht nur hinsichtlich der Fähigkeit interessant, Kommunikation zu verketten, also Sinnangebote so zu strukturieren und mit 'Eigenwerten' anzureichern, dass sie den Anschluss weiterer Kommunikationen ermöglichen. Denn jede Unterscheidung, sei es zwischen dem, was zu einer Person oder Handlung gehört, und dem, was nicht dazugehört, oder zwischen gut und schlecht, wird der Frage ausgesetzt: „warum unterscheidet ihr gerade so und nicht anders; oder wieder: wer ist der Beobachter, der gerade diese Schemata zu oktroyieren versucht.“ Aus der Unmöglichkeit, Erkenntnis unabhängig von Beobachtung zu formulieren, kann man sich deshalb nicht entwinden, weil man sich nicht selbst dabei beobachten kann, wie man beobachtet. Das funktioniert nur in Bezug auf die Beobachtung anderer, also Beobachtung zweiter Ordnung, und aus diesem Netz von Beobachtungen zweiter Ordnung, dass die Massenmedien lediglich unter Maßgabe einer selektiven Eigenlogik auf den gesellschaftsweiten Kontext ausdehnen, kann niemand entkommen. [5]

Quellen:

⠀ Diskurs. Deklination des Substantivs. – Ressource: https://www.verbformen.de/deklination/substantive/?w=Diskurs

⠀ Medium. Deklination des Substantivs. – Ressource: https://www.verbformen.de/deklination/substantive/?w=Medium

⠀ Claudia Fraas, Michael Klemm. Diskurse – Medien – Mediendiskurse. Begriffsklärungen und Ausgangsfragen. – Ressource: https://www.tu-chemnitz.de/phil/imf/mk/docs/fraas/Vorwort_Mediendiskurse_2005.pdf

⠀ Ruoff, Michael (2007): Foucault­Lexikon, UTB, John P. McCormick, Weber, Habermas, and transformations of the European state (New York: Cambridge Univ. Press, 2007). ISSN 0340­7225 (Paderborn: Fink).

⠀ Bratich, Jack/Packer, Jeremy/McCarthy, Cameron (Hg.) (2003): Foucault, cultural studies, and governmentality (Albany: State Univ. of New York Press).

⠀ Thomassen, Lasse (2008): Deconstructing Habermas, Routledge studies in social and political thought (New York, NY [u.a.]: Routledge).

die Wortarten Substantiv
Одушевленное/неодушевленное abstrakt
Genger maskulin
Singular
Nominativ der Diskurs
Genitiv des Diskurses
Dativ dem Diskurs/Diskurse
Akkusativ den Diskurs
Plural
Nominativ die Diskurse
Genitiv der Diskurse
Dativ den Diskursen
Akkusativ die Diskurse