Die deskriptive Linguistik
Die deskriptive L., d.h. der amerikanische Strukturalismus entwickelte sich relativ isoliert von den europäischen Schulen. Hauptstudienobjekt der amerikanischen Linguisten waren zunächst die Indianersprachen Nordamerikas, diese hatten kein Schrifttum und man konnte sie nicht mit den üblichen Methoden erforschen, z.B. mit der historisch-vergleichenden Methode.
Als Begründer der modernen amerikanischen Linguistik gilt FRANZ BOAS (1858-1942). Sein Handbuch der amerikanischen Indianersprachen erschien 1911. Er hat festgestellt, dass die Indianersprachen eine andere Strukturierung und zum Teil andere grammatische Kategorien aufweisen als die indog. Sprachen. Er kam zu Schlussfolgerungen, die allgemeingültig sind:
1. In jeder Sprache gibt es eine begrenzte Zahl von Einheiten, aus denen sich die Sprache aufbaut
2. In jeder Sprache gibt es eine begrenzte Anzahl von grammatischen Kategorien, die brauchen nicht in verschiedenen Sprachen übereinzustimmen
3. Die Ähnlichkeit zwischen Sprachen kann auch durch lange währende territoriale Nachbarschaft erworben werden (nicht nur durch Verwandschaft)
Boas bedeutendste Schüler sind Sapir und Bloomfield. [2]
Edward Sapir (1884 – 1939) Er hat fast alle größeren Sprachfamilien erforscht, besonders interessierten ihn die Verbindungen zwischen Sprache und Literatur, Sprache und Kultur, also die Ethnolinguistik.
Leonard Bloomfield (1887 – 1949) Er begründete eine wirkliche Schule an der Yale-Universität, der ihre Anhänger selbst den Namen „deskriptive Linguistik“ gaben, da sie die Beschreibung einer Sprache in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellte. Mit der europäischen Linguistik wurde B. durch einen Studienaufenthalt in Leipzig und Göttingen bekannt, trotzdem blieb die deskriptive Linguistik von dem Einfluss de Saussures nur wenig beeinflusst. In Bloomfields Theorie ist aber der Einfluss des Behaviorismus sichtbar – eine psychologische Richtung in den 20er Jahren, abgeleitet von behavior = Verhalten. Das menschliche Verhalten ist aus Reizen und Reaktionen zu erklären, nur das Verhalten des Menschen ist beobachtbar, nicht die geistigen Fähigkeiten, nur das objektiv Beobachtbare kann Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen sein. Bloomfields Werk „Langage“ – 1933 ist als Einführung in die Sprachwissenschaft für Studenten angelegt, er beschreibt hier die einzelnen Ebenen des Sprachsystems, Sprachfamilien, Sprachwandel, Sprachgebrauch, Schriftsysteme. 1926 – „A Set of Postulates for the Science of Language“ (1976 auf Deutsch „Eine Grundlegung der Sprachwissenschaft in Definitionen und Annahmen“) Hier hat er 77 Definitionen und Annahmen zu folgenden Bereichen geschrieben:
1. Form und Bedeutung
2. Phonem – Morphem – Wort – Wortgruppe
3. Konstruktion – Kategorie – Wortart
4. Alternationen im synchronen Bereich
5. Historische Linguistik
Z.B. im Bereich 2 sind folgende Definitionen:
9. Definition: Eine minimale Form ist ein MORPHEM; ihre Bedeutung ist ein SEMEM
11. Definition: Eine minimale freie Form ist ein WORT
12. Definition: Eine nicht-minimale freie Form ist eine PHRASE
27. Definition: Eine maximale Form in irgendeiner Äußerung ist ein SATZ
Für Morphologie und Syntax wird der Begriff (der) Konstituent eingeführt, als Bestandteil einer Konstruktion. Die wichtigste Methode zur Auffindung sprachlicher Einheiten ist folglich die Analyse der Regularitäten zur Verteilung von Einheiten in der Äußerung, d.h. der Distributionen, also die Distributionsanalyse. In der direkten Bloomfield-Nachfolge konzentrierte sich die Forschung gerade auf die Distributionsanalyse auf der syntaktischen Ebene, die zuvor vernachlässigt wurde.
L. Bloomfield verwendete in seinem Buch „Language“ den Begriff immediate constituent(unmittelbarer Konstituent – IC, bezprostřední složka). Jede komplexe Form ist aufgebaut aus Morphemen, den „ultimate constituents“ (Elementarkonstituenten), die Analyse nach ICs kann also von der Syntax ausgehend bis in die Morphologie fortgesetzt werden, sie erfasst dann alle bedeutungstragenden segmentierbaren Einheiten. Bloomfields Nachfolger haben dieses Verfahren erheblich ausgebaut, es ging später in die Basiskomponente der Syntax aller generativen Grammatikmodelle ein. Die klassische Version der IC-Analyse formulierte Rulon S. Wells in seinem Aufsatz „Immediate Constituents“ – 1947. Die IC-Analyse beruht auf den beiden „taxonomischen“ Verfahren Segmentieren und Klassifizieren, Verfahren, die auf Saussures paradigmatische und syntagmatische Relationen bezogen werden können. Wells geht von folgenden Annahmen aus:
1.ein Konstitut hat im Normallfall zwei Konstituenten, gelegentlich auch mehr, nie eins
2.diskontinuierliche Konstituenten sind möglich (im Dt. er schläft bald ein)
3.das IC-Modell ist für beide Wege offen, als Analyse oder Synthese (vom Gesamtsatz zu den Morphemen und von den Morphemen zum Gesamtsatz)
4.das IC-Modell benötigt die Einheit „Wort“ (nicht nur das Morphem, wie es bisher war) [2]
Zellig Sabbettai Harris (1909 – 1992) Er gilt im allgemeinen als der orthodoxe Vertreter der deskriptiven Linguistik, sein Werk „Structural Linguistics“ – 1951 als die Bibel dieser Schule. Harris machte deutlich, dass die deskriptive L. ihre Aufgabe nicht in der Schaffung einer Sprachtheorie sah, sondern vielmehr in der Entwicklung von Methoden zur Beschreibung von Sprachen, Methoden, die auf alle Sprachen anwendbar seien. Diese Prozeduren werden an einem beliebigen Textkorpus durchgeführt und liefern automatisch die zugehörige Grammatik. Er selbst arbeitete mit umfangreichem Material.
Wichtige Faktoren sind:
Distribution = eine Relation zwischen den Elementen einer Äußerung. Man findet für eine Einheit alle Positionen, in die sie eingesetzt werden kann: z.B. er ____ t; in die Position „___“ können Einheiten eingesetzt werden, die Verbstämme sind, also mach-, sing-, ruf-. Mach- und sing- können nicht Substantivstämme sein, ruf- kann es; die Position der ____ kann mit Ruf besetzt werden. Man gebraucht das Segmentieren und Klassifizieren, der Redestrom wird segmentiert in Elemente, die unabhängig, selbständig vorkommen können, dann wird die Distribution dieser Elemente festgestellt, die Elemente werden dann zu Klassen mit gleicher Distribution zusammengefasst.
Die wichtigsten Methoden für diese Sprachbeschreibung sind die Substitution und die Konstituentenanalyse. Mit Hilfe der Substitution (Ersatzprobe) werden die Distributionsklassen aufgefunden, mit Hilfe der Konstituentenanalyse (IC-Analyse) wird festgestellt, nach welchen Regeln Elemente verschiedener Klassen miteinander verbunden werden können. Die Distributionsanalyse ist auf allen Ebenen des Sprachsystems anwendbar, sie ist im Prinzip auf alle Sprachen anwendbar, sie hat aber einige Grenzen:
a) sie ist schwerfällig – es müssten alle Vorkommen und alle Positionen geprüft werden
b) sie arbeitet ohne Bedeutung der sprachlichen Einheiten – es fehlt die Semantik.
Arbeiten zur Textanalyse und Transformationstheorie Mit seinem Aufsatz „Discourse analysis“- 1952, dt. „Textanalyse“ unternahm Harris den Schritt vom Satz zum Text. Er hat erkannt, dass die Einheit der Rede nicht der Einzelsatz ist, sonder der Text – vom Einwortsatz bis zum zehnbändigen Werk. Texte sind für die deskriptive L. geeignet, man untersucht die Verteilung von Elementen über den Satzrahmen hinaus. Harris führte zum ersten Mal systematisch den Begriff der grammatischen Transformation ein, und zwar als eine der zusätzlichen Techniken, z.B. die Aktiv-Passiv – Transformation, Frage- und Negationstransformationen. [2]
Bedeutung der deskriptiven Linguistik
Sie spielt eine wichtige Rolle, obwohl sie selbst keine Theorien entwickelte. Auf ihrer Grundlage entstand die generative Grammatik, Chomsky entwickelte seine ersten Modelle mit direktem Bezug auf die Arbeiten der Deskriptivisten.
Die Deskriptivisten arbeiteten heuristisch, d.h. sie haben ein Datenkorpus analysiert, die Analyse führte zur Grammatik einer Sprache.
•Einzige Realität ist der Text, der aus Elementen besteht, deren Distribution erforscht wird
•Es wird ein strenger Ebenenaufbau angenommen, von unten nach oben: Phonologie – Morphologie – Syntax, Einheiten einer höheren Ebene bauen sich vollständig aus Einheiten der nächstniedrigeren Ebene auf
•Im Mittelpunkt der Beschreibung stand die Distribution der Elemente, ihre möglichen Umgebungen. Es wurden 3 Arten von Distribution unterschieden: komplementäre D., sie führt zu „Allo“-Einheiten = Allophone, Allomorphe; Kontrastdistribution – sie führt zum Auffinden der Einheiten selbst; freie Kombination – sie führt zum Auffinden der freien Varianten. Das sind auch aus der europäischen L. her bekannte Unterscheidungen.
•Eine erschöpfende Beschreibung erfordert aus deskriptiver Sicht eine schrittweise Vorgehensweise:
Die Bedeutungen von Lauten und Wörtern, also die Phonetik und Semantik, wurden nicht zur Linguistik im engeren Sinne gerechnet. Für die drei Schritte wurden folgende Techniken verwendet: Segmentierung, durch Distributionsanalyse; Substitution = Austausch von Einheiten mit gleicher Distribution; Analyse nach unmittelbaren Konstituenten = IC-Analyse. Aus diesem Instrumentarium ist fast alles in die Linguistik des 20. Jhs aufgenommen worden. [2]
Bedeutung/Definition
1) Linguistik, die ihre Hauptaufgabe in der Sprachbeschreibung (= Deskription) sieht [3]
Anwendungsbeispiele
Die klassische strukturalistische Linguistik verstand sich als deskriptive Linguistik.
Der Begriff deskriptive Linguistik betont vor allem, dass die Linguistik ihre Hauptaufgabe nicht darin sieht, sprachliche Normen aufzustellen und damit präskriptiv zu wirken, sondern darin, Sprache zu beschreiben.
„Im deutschsprachigen Raum jedoch wird die deskriptive Linguistik nach wie vor vernachlässigt, obwohl ihre Ursprünge gerade in der deutschen Sprachwissenschaft des neunzehnten Jahrhunderts lagen.“ [3]
⠀ Linguistik. Deklination des Substantivs. Phonetik mit Plural und Artikel. – URL: https://www.verbformen.de/deklination/substantive/?w=Linguistik
⠀ Křížková Dr. Methoden der Sprachwissenschaft: Die deskriptive Linguistik. 2008. S. 18–19. – URL: https://docplayer.org/32318102-Methoden-der-sprachwissenschaft.html
⠀ Deskriptive Linguistik. – URL: https://www.wortbedeutung.info/Deskriptive_Linguistik/